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Kroatien/Serbien: Die Bürde der Vergangenheit

21 Jahre Operation Oluja


Kroatischer Soldat während der Operation OlujaCC BY-SA 4.0 August Dominus / Wikimedia Commons
Kroatischer Soldat während der Operation OlujaCC BY-SA 4.0 August Dominus / Wikimedia Commons
Die Operation „Sturm“ (Oluja) markiert einen der Endpunkte des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Vom 4. bis 7. August 1995 eroberte die kroatische Armee in einer Blitzaktion die von der autonomen Republik Srpska Krajina beanspruchten Gebiete im Westen des Landes. Rund 200.000 Serben flohen vor den heranrückenden Truppen nach Bosnien-Herzegowina oder direkt nach Serbien. Zahlreiche Opfer auf serbischer Seite und die bis heute nicht integrierten Flüchtlinge in den Nachbarstaaten halten die Erinnerung in Serbien immer noch wach. In Kroatien wird die Aktion Oluja hingegen als Befreiungsschlag gefeiert, durch den die territoriale Einheit des Landes wiederhergestellt wurde.

Bis heute hat Serbien ein kompliziertes Verhältnis zu seinem nördlichen Nachbarn Kroatien. Dabei geht es nicht nur um die unterschiedlichen Erinnerungskulturen, die das jeweils eigene Volk als Opfer stigmatisieren, sondern auch um konkrete Fragen wie den EU-Beitritt Serbiens. Das jüngste EU-Land Kroatien zeigt bisher wenig Unterstützung bei diesen Bemühungen.

In Zeiten einer schwachen Europäischen Union wird der Konflikt zwischen den beiden Ländern offener ausgetragen: Als die Flüchtlingsrouten sich im Herbst 2015 von Ungarn nach Kroatien verlagerten, schloss die kroatische Regierung die Grenzen zum Nachbarland. Darüber hinaus blockierte Kroatien die Eröffnung der Verhandlungen über das Beitrittskapitel 23 des "acquis communautaire" mit dem Hinweis auf die unbefriedigende Situation der kroatischen Minderheiten in Serbien. Zusätzlich wird das Mikroklima zwischen beiden Staaten durch den jährlich stattfindenden Gedenktag an „Oluja“ getrübt.

Unterschiedliche Interpretationen einer gemeinsamen Vergangenheit

Bis heute hat Kroatien von staatlicher Seite aus nicht eingeräumt, dass die Vertreibung der Serben zahlreiche Opfer gefordert hat. Auf der anderen Seite zeigt aber auch die serbische Seite keinerlei Bereitschaft, über die Entstehung der Srpska Krajina und ihre Rolle während des Krieges zu diskutieren. Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: Wer war zuerst hier? Und wer hat den Konflikt begonnen?
Karte der Serbischen Krajina (rot markiert)CC BY-SA 3.0 Electionworld / Wikimedia Commons
Karte der Serbischen Krajina (rot markiert)CC BY-SA 3.0 Electionworld / Wikimedia Commons

Die enge Fragestellung führt zur Konstruktion von Vergangenheitsnarrativen, die bewusst nicht durchleuchtet werden. Jede betroffene Partei sucht nach ihrer Interpretation der Vergangenheit, um sich die eigene Unschuld zu bescheinigen. So bleiben die ersten zarten Versuche, die Vergangenheit aufzuarbeiten, zivilgesellschaftlichen Organisationen vorbehalten.

Das Menschenrechtszentrum (HLC) in Serbien erinnert z.B. auch an die rund 20.000 Flüchtlinge aus Kroatien, die immer noch als solche registriert sind. Die Organisation verweist außerdem auf das EU-Beitrittskapitel 23 (Rechtswesen und Grundrechte) und ermutigt die Regierung Serbiens, den Schutz von Vertreibungsopfern den internationalen Standards anzupassen.

Die Wunden der Zeit sind noch immer sichtbar - zerstörtes Haus in SunjaCC BY-SA 3.0 Petar Milošević / Wikimedia Commons
Die Wunden der Zeit sind noch immer sichtbar - zerstörtes Haus in SunjaCC BY-SA 3.0 Petar Milošević / Wikimedia Commons

In Kroatien bemüht sich die NGO Documenta „Dealing with the past“, die zivilen Opfer der Operation „Oluja“ zu ermitteln. Laut einem Bericht des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) wolle die NGO zwar über den Sieg der kroatischen Armee reden, aber gleichzeitig auch das Leiden der Opfer anerkennen. Bisher verhallen diese Initiativen in den Parlamenten beider Länder.

EU braucht ein positives Signal aus dem Süden

Gerade in Zeiten des Brexit und einer zunehmenden Unzufriedenheit der Bürger wären jedoch Fortschritte an der Südflanke der Europäischen Union ein wichtiges Signal für den gesamten Staatenbund. Derzeit ist jedoch schwer zu ermitteln, wer überhaupt mit wem verhandeln kann: Obwohl die Wähler die serbische Fortschrittspartei vor mehr als drei Monaten mit einer absoluten Mehrheit ausstatteten, hat das Land noch immer eine rein geschäftsführende Regierung.

Kroatien steht hingegen vor Neuwahlen Anfang September – nachdem die letzte Regierung nach nur einem knappen halben Jahr gescheitert war. So reizvoll kroatischen Politikern der Blick nach Norden scheint, so sehr müssten sie erkennen, dass neue Grenzziehungen allen Beteiligten langfristig schaden. Das gilt selbstverständlich auch für die Länder jenseits dieser Grenzen.

Charles du Vinage, Projektleiter der Stiftung für die Freiheit für den Westbalkan